Rezension: Go Set A Watchman

WIE HAT ER DIR GEFALLEN?

Schon auf den ersten Seiten fühlte ich mich in Maycomb regelrecht zuhause: Auch Jean Louise, die Protagonistin, die wir schon aus „To kill a mockingbird“ kennen, war zwischendurch in New York und kehrt nun zurück, um ihren Vater Atticus, aus dem Vorgänger als Kämpfer gegen den Rassismus bekannt. Als sie sieht, wie ihr Vater jedoch einer Sitzung des Ku-Klux-Klans beiwohnt, bricht für sie eine Welt zusammen.

Die Handlung ist somit recht schnell einschneidend, denn dies zerstört auch das Bild, das ich bis dato von Atticus hatte. Nicht verändert hat sich für mich jedoch, dass auch dieser Roman eine so schön alte Atmosphäre hat. Von der Sprache bis zu den Beschreibungen ist alles wie eine ferne Welt – und wird uns doch so nah gebracht.

Die Welt, die Harper Lee hier jedoch porträtiert steht in einem ständigen Wandel – mitunter auch in einem schmerzhaften Wandel. Interessant fand ich, dass wir doch heute viel öfter vom Wandel sprechen: Alles verändert sich, neue Technologien kommen hinzu, mitunter überfordert uns diese Schnelligkeit. Überfordert ist jedoch auch Jean Louise, denn auch ihre Welt befindet sich bereits in einem solchen Wandel.

Gelungen ist wie auch schon in „To kill a mockingbird“ der Humor der Autorin: Der Roman mag noch so viel Tiefgang haben und die Thematik mag noch so ernst sein, Harper Lee gelingt es dennoch, mit viel Humor den ein oder anderen Witz einzuflechten. Auch wenn deutlich wird, dass es ihr ernst ist mit ihrer Kritik am Rassismus, so nimmt es dem Roman dennoch das Drama, lässt ihn leichter wirken.

KNÜPFt DER ROMAN AN „TO KILL A MOCKINGBIRD“ AN?

Nein, dachte ich oft. Der Roman kann nicht als Fortsetzung gesehen werden. Vielleicht liegt das daran, dass Jean Louise im ersten Roman noch ein Kind und nun eine junge Erwachsene ist, vielleicht liegt es auch daran, dass „Go Set a Watchman“ zuerst entstand.

Einige Aspekte finden sich in beiden Romanen wieder – die altertümliche Atmosphäre und der Humor, beides Dinge, die ich sehr liebgewonnen habe.

Den Unterschied macht jedoch Atticus: In „To kill a mockingbird“ noch der Held, der gegen den Rassismus kämpfte, und wurde bald zum Symbol für Hoffnung für alle, die unter Rassismus litten. Nun ist er es selbst, der die dunkelhäutige Bevölkerung als minderwertig betrachtet – mitunter in Formulierungen, die ich selbst als sehr schmerzhaft empfand.

Zerstört Harper Lee damit das Bild, das viele von Atticus hatten, nimmt sie uns damit einen Helden? Ich finde nicht. In „To kill a mockingbird“ erschien er mir oft zu glorreich, mitunter fehlerfrei, einfach perfekt. Hier ist er ein Mensch mit all seinen Macken.

Die Frage, die ich viel wichtiger finde, ist, ob Literatur dazu da ist, die Wirklichkeit darzustellen oder uns Hoffnung zu geben. In „Go Set a Watchman“ ist Atticus mit seinen Fehlern mit Sicherheit näher an der Wirklichkeit, da der Roman zeigt, wie tief verankert der Rassismus in den Südstaaten war. In „To kill a mockingbird“ jedoch gibt er Hoffnung – auch wenn ich oft das Gefühl hatte, dass er den Rassismus beschönigt, indem er der Gesellschaft einen Helden gibt, der dagegen kämpft, als hätte es genug davon gegeben.

ZURÜCK ZUM ROMAN…

Unabhängig von der Rassismus-Thematik fand ich es außerdem mitunter schade, dass Scouts kindliche Perspektive durch die einer jungen Frau ersetzt wurde. Dies ist mit Sicherheit notwendig, denn die kindliche Scout hätte niemals so kritisch sein können wie Jean Louise es jetzt ist, jedoch hatte ich diese kindliche Perspektive zuerst sehr liebgewonnen.

Insgesamt ist der Roman interessant, näher an der Realität, würde ich sagen. Der Schreibstil geht unter die Haut, bildlich und humorvoll, und Harper Lee stellt eine altertümliche Welt da, wie es sonst nur wenige kennen. Ein Roman, über den mit Sicherheit noch viele streiten werden, was ihn aber nicht weniger lesenswert macht!

Herzliches Dankeschön an BloggDeinBuch und Random House für mein Leseexemplar. Hier kannst du es selbst bestellen!

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Eine Antwort zu “Rezension: Go Set A Watchman

  1. Ich mochte das Buch auch.
    Allerdings kannte ich „To Kill a Mockingbird“ nicht, von daher fand ich es jetzt interessant, was jemand dazu zu sagen hat, der beide Bücher gelesen hat.

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