Learning from: Kafka & Gillian Flynn

Kafka3Für diese neue Reihe habe ich mich mal wieder von einer meiner Lieblingsbloggerinnen inspirieren lassen (was ich übrigens schon einmal gemacht hab: Prolog und Epilog): Auf Geteiltes Blut bloggen Alena und Alexa Coletta und schreiben seit einiger Zeit über sogenannte „Lehrbücher“, sprich Romane, die sie gelesen haben und von denen sie als Autoren etwas gelernt haben. Ich bin von der Idee begeistert: Von wem können Autoren schließlich mehr lernen als von Autoren? Hier also mein erster Post zu der Reihe „Learning From“!

Als ich Franz Kafkas „Der Prozess“ zum ersten Mal gelesen habe, war ich verwirrt. Da ich es allerdings für die Schule lesen musste, kam ich nicht daran vorbei, mehr darüber zu lesen – und bin auf einen interessanten Artikel gestoßen: In „Der Prozess“ wird der Protagonist verhaftet, der Grund für seine Anklage wird ihm jedoch nicht offenbart. Der Leser rätselt somit, ob der Protagonist überhaupt schuldig ist. Was aber, wenn er mit Sicherheit schuldig ist, schließlich wird er angeklagt, und das Interessante am Roman ist, dass er es schafft, den Leser von seiner angeblichen Unschuld zu überzeugen und damit hinters Licht zu führen? Dies ist ein Interpretationsansatz unter tausenden und doch fand ich ihn total interessant. Ähnlich arbeitet nämlich auch Gillian Flynn in „Gone Girl“, dessen Rezension ihr hier findet. Es ist ihr Protagonist, der angeklagt wird, seine Frau ermordet zu haben, und doch ist besagter Mann auch ihr Erzähler. Der Leser kennt somit nur seine Gedanken und seine Version der Geschehnisse – und doch wird deutlich, dass der Protagonist etwas vor dem Leser versteckt, und allmählich fragt sich der Leser, ob es nicht doch Nick war, obwohl dieser seine Unschuld weiterhin beteuert.

Noch nie zuvor hab ich einen Roman gelesen, in dem die Perspektive damit so ausschlaggebend für den Spannungsverlauf ist: Was also, wenn der Protagonist nicht nur seine Version der Geschichte erzählt? Was, wenn diese Version gar nicht der Wahrheit entspricht und er damit versucht, den Leser hinters Licht zu führen? Für mich war das der Aspekt, der beide Romane so spannend machte – und nach Nachahmung nur so schreit, denn spannend wird es gerade, wenn nicht der Protagonist sondern der Leser sich mit Lügen konfrontiert sieht.

Hast du schon einmal aus einem Buch etwas für dein eigenes Schreiben mitgenommen? Und kennst du diese beiden Bücher?

P.S.: Hier geht’s zu meiner Rezension zu „Girl Online“ und „Etta and Otto and Russell and James„!

Kafka2When I read Kafka’s „Der Prozess“ for the first time, I was confused. Since I was reading it for my German class though, I had to find out more about it – and I found a pretty interesting article. In “Der Prozess”, the protagonist is arrested, but he’s not told why. The reader wonders if the protagonist is guilty at all – but what if he’s guilty for sure, since after all he’s arrested, and the interesting part of the novel is that the narrator convinced the reader that the protagonist was guilty? Gillian Flynn’s “Gone Girl” is similar: Her protagonist is accused of killing his wife, but her protagonist is also the narrator. We only know his thoughts and his version of the story – still it becomes obvious by and by that he’s hiding something from the reader and the reader begins to wonder if Nick might indeed be guilty after all.

I’ve never before read a novel whose perspective made it so thrilling: What if the protagonist doesn’t only tell his version of the events? What if his version is not true and he’s trying to betray the reader? This was what made these two novels so interesting to me – and what authors can take away from it: Nothing makes a novel more exciting than confronting the reader instead of the protagonist with a lie.

Have you ever read a novel and learned something from it as a writer? And do you know one of these novels?

P.S.: “Girl Online” and “Etta and Otto and Russell and James”!

Kafka1

 

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4 Antworten zu “Learning from: Kafka & Gillian Flynn

  1. Pingback: Learning From: Jennifer Wolf & Alexandra Fuchs | Zeilentanz·

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  3. Das macht mir gerade Hoffnung. =D Der Prozess steht bei mir als nächstes auch an und nachdem ich die letzten… keine Ahnung, vier(?) Schulbücher schon nicht mochte und die Lesung zu Kafkas Verwandlung letztes Jahr auch nicht so super fand, ist meine Lust, es zu lesen, nicht sehr groß. Wie du es beschreibst, klingt das gar nicht so übel. =)
    Ich bin ja der Meinung, dass man von jedem Buch, das man liest, immer auch etwas mit nimmt und übernimmt, manchmal vielleicht sogar gar nicht bewusst. 😉

    • Hey Julia,

      „Die Verwandlung“ hab ich zwar nicht gelesen, aber „Der Prozess“ ist gar nicht mal so schlecht!
      Ausnahmsweise würde ich auch glatt dazu raten, einige Deutungen zu lesen, denn die machen es erst wirklich spannend 😉

      Liebe Grüße,
      Marie

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