Bis ich 21 war von Ela Angerer

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Titel: Bis ich 21 war
Autor: Ela Angerer
Verlag: Deuticke
Genre: Belletristik

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Die Mutter wollte eigentlich keine Kinder, der Vater lässt sich scheiden und die Protagonistin wächst doch bei ihrer Mutter auf – in einer Welt, in der ihr Stiefvater nur der Cardillacfahrer ist, in der jeder unter Beruhigungsmitteln steht und in denen Drogen auf der Tagesordnung stehen.

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Mitunter hat mich der Roman schmerzhaft an die Biografie von Natascha Kampusch erinnert. Die Kindheitsperspektive auf der anderen Seite ähnelte dem wenn auch im Plot sehr viel friedlicherem Roman „Der Tag, an dem ich fliegen lernte“.

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Intensiv, gewaltsam, rau, schmerzhaft, hart

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Erwachsene interessieren sich für uns. Nicht weil sie uns mögen, sondern weil sie einsam sind. („Bis ich 21 war“ von Ela Angerer erschienen bei Deuticke)

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Der Einstieg in den Roman ist intensiv, fast schon schmerzhaft. Die Protagonistin erzählt von ihrer Kindheit und befindet sich noch in einem Alter, an das die meisten Menschen keine Erinnerung haben. Es ist subtile Psychogewalt, die auf das Kind einprasselt, und die junge Protagonistin erlaubt sich schnelle Rückschlüsse: Sie lebt in einer Welt, die die Erwachsenen reagieren, und doch scheint sie die Älteren, ihren Glamour aber auch ihre Abgründe, zu durchschauen. Gleichzeitig aber bauen sich Zwänge um sie herum auf, die sie in eben solche Abgründe stürzen. Die Welt, in der das junge Mädchen aufwächst, wird von Drogen geprägt: Jede Frau scheint hier Beruhigungsmittel zu nehmen, um ihr Leben aushalten zu können, und es ist nicht schwer, Haschisch und mehr zu bekommen.

Die Protagonistin bleibt den gesamten Roman lang namenlos, ein Stilmittel, das sie als wertlos erscheinen lässt. Zaghafte Hinweise zeigen anfangs auf, dass noch mehr folgen wird als nur die anfänglich ab und zu ausprobierten Drogen, und gleichzeitig ist sie als Kind eine Figur, die man beschützen möchte. Es ist eindeutig, dass sie sich selbst weh tut, und doch betrachtet sie ihre eigene Person mit genug Distanz, um dies nicht zu bemerken.

Es ist klar, dass dies nicht alles sein kann, das sich in der Welt von ihrer Familie abspielt – aber es ist das Einzige, das das Kind wahrnimmt. Der Schreibstil bleibt dabei eiskalt und auch nüchtern, egal welche abstrakten Zwänge das junge Mädchen sich selbst auferlegt. Fotografie zieht sich als zentrales Symbol durch den Roman, verleiht ihm etwas Künstlerisches – und gleichzeitig weist sie auf einen anderen Aspekt hin: Der Roman wurde als Autobiografie angepriesen, auch wenn Ela Angerer in einem Interview angab, dass beispielsweise die Mutter ihrer Protagonistin keinesfalls mit ihrer eigenen Mutter gleichzusetzen ist.

Wer jedoch eine Protagonistin ohne Reue erwartet, wird enttäuscht, denn dieses Mädchen ist eindeutig mehr als das: Sie liest für ihr Leben gerne Kafka und ist sehr intelligent; auch bringt sie nicht den Mut auf, sich gegen Gewalt zu wehren. Sie ist tough nach außen, aber insgeheim bleibt sie zerbrechlich. Sie versucht, sich an andere anzupassen, und doch wird sie nie so akzeptiert wie sie es verdient hätte.

Der Schreibstil wird neben seiner Kälte auch dadurch gekennzeichnet, dass es kaum lebendige Szenen gibt. Stattdessen wird mehr erzählt als gezeigt und der Leser baut dieselbe Art von Distanz zu der Protagonistin auf, die auch sie zu ihrer eigenen Person hält. Dies könnte schief gehen und vom Leser mit Langeweile quittiert werden, was die Kürze des nur knapp 190 Seiten starkem Roman aber geschickt ausbügelt.

Enttäuschend fand ich ausschließlich das Ende, das dramatischer und auch tragischer sein könnte. Es wird nicht deutlich, warum der Titel „Bis ich 21 war“ gewählt wurde, denn dieses Alter scheint keine spezifische Rolle zu spielen, und auch das Böse, das die Protagonistin im Internat erfährt, von dem im Klappentext die Rede ist, kann ich mir nicht ganz erklären. Einen Hochpunkt hat der Roman damit nicht. Ob dies den Leser unbefriedigt lässt oder viel mehr ein weiteres Stilmittel ist, das zeigt, dass auch das Leben der Protagonistin monoton weiterläuft, muss jeder Leser selbst entscheiden.

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Als ich diesen Roman erhielt, hatte ich große Erwartungen an ihn und gleichzeitig Angst, dass er diese nicht erfüllen könnte: Ich befürchtete, er könnte voller Klischees, Drogen, Sex & Co. sein, um auf alle erdenklichen Weisen die Aufmerksamkeit der Leser und auch der Medien auf sich zu ziehen.
So ein Roman ist es jedoch nicht. Er hat Tiefgang und gleichzeitig spielt er mit einer Distanz, die nicht nur der Leser zu der Protagonistin sondern in der Welt, in der sie aufwächst, jeder zu jedem aufbaut. Ihre Geschichte könnte nicht glaubwürdiger sein. So wie ihr die Drogen das Gefühl geben, zu etwas Größerem zu gehören, hatte ich bei diesem Roman das Gefühl, etwas Literarisches in der Hand zu halten. Der Roman hat mich nachdenklich gemacht und mich noch nicht wieder losgelassen, denn er fordert den Leser, hat mit Sicherheit auch das Zeug, um zu überfordern, ist gleichzeitig aber auch echter Lesegenuss, denn Ela Angerer kann eindeutig schreiben.

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Ich danke Lovelybooks und Deuticke für die Bereitstellung des Leseexemplars. Hier kannst du es selbst bestellen!

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