Der erste Satz

Als ich jünger war, habe ich einmal bei einem Wettbewerb mitgemacht, bei dem das beste Buch gekürt wurde. Dafür gab es verschiedene Kriterien, nach der die Jury die Bücher bewerten sollte. Zuerst bekamen wir nur den Titel des Buches, dann das Cover etc. und mussten jeweils entscheiden, welches der vorliegenden Bücher wir gekauft hätten – und zum Schluss durften wir den ersten Satz lesen, nur den ersten Satz.

Persönlich glaube ich, dass es in der Natur unserer Gesellschaft liegt, so viel Wert auf den Anfang zu legen: Wir können nicht warten – nein, wir wollen direkt gefesselt werden und lesen vielleicht in der Buchhandlung nur die ersten Sätze eines Buchs, bevor wir entscheiden, ob wir es kaufen. Auch die zunehmende Anzahl an eBooks spielt dabei eine Rolle, denn bei ihnen spielen Titel, Cover, Klappentext etc. immer mehr nur noch eine untergeordnete Rolle, während die Leseprobe und damit auch der erste Satz immer wichtiger wurden.

Dies kann natürlich auch ein Autor für sich nutzen. Aus den letzten beiden Romanen, die ich euch vorgestellt habe, sowie aus meiner eigenen Geschichte rund um Tami, Bo und Jess habe ich daher die ersten Sätze herausgesucht, um euch zu zeigen, wie man sie gezielt einsetzen kann.

Im Winter meines siebzehnten Lebensjahres kam meine Mutter zu dem Schluss, dass ich Depressionen hatte, wahrscheinlich, weil ich kaum das Haus verließ, viele Zeit im Bett verbrachte, immer wieder dasselbe Buch las, wenig aß und einen großen Teil meiner reichlichen Zeit damit verbrachte, über den Tod nachzudenken. (aus ,,Das Schicksal ist ein mieser Verräter“, geschrieben von John Green, 2012 erschienen im Carl Hanser Verlag München)

Zuerst einmal zeigt das Zitat, dass ein Satz ziemlich lang sein kann – und dass kann gerade bei einem ersten Satz sinnvoll sein.

Außerdem erfüllt dieser erste Satz aber in erster Linie zwei Ziele:
a) Er beginnt in dem Schreibstil, der sich durch den gesamten Roman zieht. Der Satz ist frech aber doch nachdenklich und tiefsinnig und hat dank Adjektive wie ,,reichlich“ einen leicht poetisch angehauchten Klang. Der Leser weiß, was ihn erwartet.
b) Die Protagonistin wird vorgestellt und zwar in ihrer Ausgangslage. Der Satz fasst zusammen, was Hazel in letzter Zeit gemacht hat, und ermöglicht es dem Leser, auf ihren Charakter zu schließen.

Mit dreizehneinhalb habe ich mich in David verliebt. (aus ,,Das andere Herz“, geschrieben von Alf Kjetil Walgermo, übersetzt von Maike Dörries, 2014 erschienen im Carlsen Verlag)

Dieser erste Satz ist schon aufgrund der Länge ganz anders: Er hat gerade mal sieben Wörter und keinerlei Nebensatzkonstruktionen. Fesselnd ist er trotzdem. Warum? Weil in der Kürze sozusagen die Würze liegt, denn sie stellt fest: Man kann vielleicht anzweifeln, ob man mit dreizehn von Verlieben sprechen kann, ob die Protagonistin wirklich verliebt war und vieles mehr – aber nicht in diesem Buch. Hier ist ganz klar: Sie war verliebt. Ohne wenn und aber.

Damit wird gleichzeitig eine Atmosphäre gesetzt, die sich durch den gesamten Roman zieht, denn Amanda ist auf der Suche nach Aussagen und Vorbildern, die sie nicht anzweifeln muss. Der Satz wirkt etwas naiv und kindlich – hat mich aber auf jeden Fall dazu gebracht, den Roman auf meine Wunschliste zu setzen.

Du musst dir vorstellen, dass du auch einmal in einem solchen Reagenzglas warst“, erklärte er mit einem breiten Grinsen.

Dieser Satz ist der erste aus der Geschichte rund um Tami, Bo und Jess und er hebt sich von den anderen beiden Sätzen deutlich ab: Auf der einen Seite ist er was die Länge angeht genau in der Mitte.

Auf der anderen Seite erfüllt er einen anderen Zweck: Er stellt weder die Atmosphäre noch einen Charakter vor, sondern er beginnt mitten in der Handlung. Der Leser findet damit selbst raus, um wen es geht und da der Roman allgemein eher von Handlung als von Beschreibungen lebt, geht es damit auch schnell los.

Ihr seht: Es gibt verschiedene Arten, einen Roman zu beginnen, je nachdem was dein erster Satz bezwecken soll. Hier eine kurze Zusammenfassung:
a) Vorstellung einer Figur – Wer ist mein Charakter? Was macht ihn besonders? Wo befindet er sich am Anfang des Romans?
b) Vorstellung des Plots – Was passiert Interessantes? Was löst die Reise, auf die dein Protagonist geht, aus?
c) Vorstellung der Handlung – Was ist eine Schlüsselszene? In welcher Szene kann dein Leser die Figuren und den Plot kennenlernen?

Welchen ersten Satz bevorzugst du?
Wie lautet der erste Satz aus deinem Roman?

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5 Antworten zu “Der erste Satz

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