Gib mir eine Stimme!

,,Silver Linings“ wird erst so besonders aufgrund des unverwechselbaren Schreibstils: Spontan fällt mir kein anderer Erzähler ein, der so durcheinander aber gleichzeitig auch so simpel wie Pat die Geschehnisse aus seinem eigenen Leben erzählt. Er ist eins der Erfolgsrezepte des Romans, denn Matthew Quick ist es gelungen, mit Pat nicht nur eine einzigartige Figur zu kreieren sondern vor allem eine Figur, die zu dem Leser spricht.

Wenn du deinen Freunden einmal genau zuhörst, wirst du merken, dass jeder anders spricht. Da gibt es Vorlieben im Satzbau, bestimmte viel zu oft benutzte Lieblingswörter, solche, die stottern, die viel zu schnell sprechen, die tausend Wörter aussprechen, ohne dabei etwas zu sagen. Und was hat das mit Romanen zu tun? Ganz einfach: Auch dein Protagonist ist einzigartig – deshalb braucht er nur noch eine Stimme.

Schreibst du deine Geschichte aus der Sicht einer Figur, so kommuniziert diese direkt mit dem Leser. Es ist ihre subjektive Meinung, die du ihm mitteilst – und das macht diese Erzählperspektive so besonders. Daher solltest du die Meinungen oder Eindrücke anderer Figuren nicht einfließen lassen sondern dich bewusst auf die Erzählweise deines Protagonisten konzentrieren. Um diese besser kennenzulernen, hier einige Tipps:

a) Welche Adjektive beschreiben meine Figur?
Geh noch einmal zurück zu dem Post über die fünf Adjektive, die deinen Protagonisten beschreiben sollen. Auf meiner Liste für Adjektive, die Bo beschreiben, stand unter anderem ,,spontan“. Die Geschichte von Tami, Bo und Jess wir zwar nie aus Bos Perspektive erzählt, aber würde sie das, so hätte ich hier bereits einen ersten Anhaltspunkt: Spontane Gedanken tauchen in ihrem Kopf auf, sie vergisst einzelne Gedanken wieder und mehr.

b) Warum sagt er ausgerechnet das?
Pats Motive sind es, die sein Handeln so interessant machen, und seine nüchternen Beschreibungen sind es, die ihn als Erzähler interessant machen. Wenn Pat beispielsweise zugibt, dass er nur nett zu Tiffany ist, weil er für Nikki übt, ein besserer Mensch zu werden, dann erlaubt er dem Erzähler direkt in seine Gedankenwelt zu blicken.

c) Wie spricht meine Figur?
Geh nach demselben Schema vor wie bei dem fünf Adjektive-Prinzip, nur dass es jetzt speziell um das Sprechen geht. So wie deine Figur sich in Dialogen verhält, wird sie sich auch in ihrer Gedankenwelt und somit als Erzähler verhalten. Ob hochgestochen oder ohne Grammatik zu beachten, pessimistisch oder optimistisch, all das sind weitere Anhaltspunkte.

d) Welche Art von Roman würde meine Figur schreiben?
Ein Reisetagebuch aus der Sicht eines Einsiedlers zu schreiben – das macht nur Sinn, wenn dahinter eine präzise ausgedachte Geschichte steht. An dem Beispiel aber wird deutlich, dass manche Figuren anders sprechen als sie schreiben. Ob du die Kommunikation mit anderen Figuren von der Kommunikation mit dem Leser trennst, ist dabei dir überlassen.

Nach diesen vier Fragen solltest du erste Merkmale gesammelt haben. Auf deiner Liste kann beispielsweise stehen, dass deine Figur sich gerne in Beispielen oder Beschreibungen verliert, dass sie kurze, abgehackte Sätze benutzt oder dass sie Farben besonders detailliert beschreibt. Die Erzählweise ist ein gutes Werkzeug, um deinen Protagonisten dem Leser näher zu bringen – unterschätze sie nicht!

Advertisements

Kommentiere

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s